Verein zur Förderung und Pflege der Tradition der Potsdamer Riesengarde "Lange Kerls" e.V.

James Kirkland -
Ein Langer Kerl in Potsdam


"Mein Name ist James Kirkland, ich wurde 1714 in Irland geboren und habe mit dazu beigetragen, dass in ganz Europa das Wort "Potsdamer" gleichbedeutend mit einem hochgewachsenen Mann war. Ich wurde während der Regierungszeit des Vaters von dem später als "Großen" bezeichneten König nach Preußen geholt. Der Grund: Ich war wirklich groß. Ich passte durch keine Türöffnung und in kein Bett. In der Uniform der Leibgrenadiere des Königs passte ich gut, denn sie wurde mir auf den Leib geschneidert.

Der "Soldatenkönig" genannte Friedrich Wilhelm I. hatte an uns großen Grenadieren einen Narren gefressen. Zur ohnehin schon außerordentlichen Körpergröße - wir waren durchschnittlich einen Kopf größer als die Normalbürger - kam ja noch die 28 cm lange Grenadiermütze.

Der König liebte seine Riesengarde so, dass er uns malen ließ und die Bilder im Potsdamer Stadtschloss aufhängte. Riesengarde, Vorzeigetruppe, Spielzeugsoldaten - mit vielen Namen wurden wir Lange Kerls belegt. Aber wir waren meist einfache Bauernsöhne, denen die Körpergröße eher ein Fluch, denn Segen war. In den Katen unserer Eltern mussten wir uns gebeugt bewegen, wir waren ungelenk und wurden gehänselt. Da war es vielleicht gar nicht so ein Unglück, dass da im fernen Potsdam ein Monarch war, der uns mochte. Und er bezahlte gut. Im Laufe der Jahre bildeten sich feste Preise für einen geworbenen Langen Kerl heraus. Ein gewöhnliches Handgeld für einen fünf Fuß und zehn Zoll großen Mann waren 700 Taler. Für einen von sechs Fuß wurden schon 1000 Taler bezahlt. Es heißt, ich sei mit meinen 2,17 Meter der teuerste gewesen: 7.161 Taler. Wie mein "Transfer" 1734 ablief, kann man aus der Depesche des Preußischen Gesandten in London von Borcke betreffs "Anwerbung" des James Kirkland für das Leibregiment in Potsdam entnehmen. Darin werden alle Kosten aufgelistet: der Lohn für die zwei Kundschafter, die mich aufgespürt haben, für den Kerl, der mich nach Potsdam gebracht hat, für die Verwandten, die bei dem Handel eingeweiht waren, die Reisekosten, die Kosten für neue Kleidung, meine Bewacher und die Bestechung eines Richters. Ich selbst tauche auf der Liste mit lediglich einem Pfund als Handgeld auf.

Und jetzt kommt das Seltsamste: Ich gehörte bis zum Tod des "Soldatenkönigs" zu den zwölf "Unrangierten" Riesen. Damit waren wir nicht der kämpfenden Truppe zugeordnet. Wir ausgesuchten Riesen hatten vor allem für Repräsentationszwecke zur Verfügung zu stehen. Es ist ja allgemein bekannt, daß die Beisetzung des Königs 1740 unser letzter Auftritt war. Der neue König löste die Langen Kerls auf. Auch seine Leibgarde bestand nur aus ausgesuchten jungen Männern. Allerdings spielte bei ihnen die Schönheit eine viel wichtigere Rolle als die Größe.

Potsdam blieb auch unter Friedrich II. eine Soldatenstadt. Allerdings erhielt sie ein Festkleid. Viel Geld gab der König aus, damit die Fassaden seiner Residenzstadt seinen allerhöchsten Ansprüchen genügen konnten. Schließlich lieferte er selbst die Vorgaben. Ob die Fassade zum Haus dahinter passte, interessierte ihn wenig. Da geschah es nicht selten, dass die Fenster auf Höhe des Fußbodens waren, dass Fenster auf die Hauswände gemalt wurden und dass Tore nicht zur Einfahrt passten. Die Zahl der Soldaten in Potsdam wuchs während der Regierungszeit Friedrich II. stark an.
Was kaum wuchs, war die Stadt. Es lässt sich denken, dass es immer enger innerhalb der Stadtmauern wurde. Mir selbst erging es nicht schlecht unter Friedrich dem Großen. Ich kam 1740 als Heiducke in den Hofstaat und starb als wohlhabender Kaufmann 1779 in Berlin.
Irland habe ich nie wieder gesehen."

Quelle: "Geisterstunde auf Sanssouci" von Bodo von Isserstedt erschienen im terra press Verlag Berlin, 2013
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